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Was ist eigentlich Wirtschaft? PDF Print

Was ist eigentlich Wirtschaft? Es ist schon erstaunlich, daß diese Frage in den Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsmedien nicht gestellt wird. Nie waren Menschen in allen Alltagsbereichen stärker mit allen Formen und Auswirkungen von Wirtschaft beschäftigt. Und doch weiß man nichts darüber? Nun, ich stelle diese Frage hier (PDF, nur 32kb).
Nach 20 Jahren in Werbung und Softwareindustrie ist diese Frage mehr für mich, als eine der Definition des Begriffes.
Die Schöpfung aus dem Nichts, creatio ex nihilo, war schon immer das große Vorbild wirtschaftlichen Schaffens.
Alles zu bekommen, möglichst nichts zu investieren - diesem Credo folgen fast alle Teilnehmer des Wirtschaftslebens.
Ganz neutral gesehen, kann diese Haltung  als Ausdruck größtmöglicher Effektivität gesehen werden.
Aber ist Wirtschaft auch als Gesamtsystem für alle Teilnehmer  so effektiv? Ist Wirtschaft überhaupt ein System (PDF, nur 30 kb)? Wenn ja, warum  funktioniert sie dann nicht so gut wie die Straßenverkehrsordnung? Trotz größten Wohlstandes herrscht zumindest  in Deutschland und der Schweiz eine breite Unzufriedenheit mit der Wirtschaft.

Alexander Dill at the Shenzhen Hightech Fair
Alexander Dill auf der Shenzhen High Tech Fair: Die Chinesen brauchen unendlich viel Software.

In der postmodernen und postindustriellen Gesellschaft verheißen die Produktivitätsgewinne des wirtschaftlichen Handelns Perspektiven wie Selbstverwirklichung, Freizeit und Lebensqualität. Kein Zweifel: Für die meisten von uns ist Wirtschaft die Eintrittskarte zu einer gigantischen Wellnessoase.
Die Komfortatmosphäre, wie sie Peter Sloterdijk in seinem Buch "Im Weltinnenraum des Kapitals" genannt hat,  wird nur durch den Miserabilismus getrübt (noch ein Sloterdijk-Begriff), das schlechte Gewissen, daß wir aufgrund unseres Wohlstandes all jenen zu beweisen haben, die noch in der alten Mangelwirtschaft mit Produktion,  Arbeit und Kapital leben müssen.
In diesem Relikt aus dem Kohlezeitalter, in dem Adam Smith und Karl Marx ihre Theorien der Wirtschaft verfaßten,  schweißte die Angst vor der Not alle zu der Massenbewegung der industriellen Revolution zusammen.
Noch immer wird dieser Pioniergeist beschworen, wenn 50% der Bevölkerung gar keine Lohnarbeit mehr finden. Aber, zu spät: Selbst im immer noch hochindustriellen Deutschland stammen bereits 38% des Einkommens aus Vermögen.


Der Konflikt zwischen Moral und Gewinn, oder vornehmer ausgedrückt zwischen ethischen und wirtschaftlichen Überlegungen, bestand immer schon und hat zu den großen philanthropischen Anstrengungen der Tycoons geführt. Andrew Carnegie und Friedrich Krupp einst; heute beweisen Bill Gates und Warren Buffett mit ihrer Stiftung ihren guten Willen.
Andere gehen weiter: Sozialunternehmer, engl.: Social Entrepreneurs, übertragen unternehmerische Denkweisen auf gemeinützige Anliegen. Entrepreneurship ist zu einer neuen Disziplin der Wirtschaftswissenschaften  geworden. Bisher leider noch auf Umfragen unter Unternehmern beschränkt, könnte sie die Wissenschaft werden,  die uns sagt, was wir tun sollen, wenn es keine abhängige Beschäftigung mehr gibt. In Deutschland gibt es 50 Institute für Entrepreneurship - leider ist nur eines mit einem Unternehmer besetzt: In Karlsruhe lehrt Götz Werner, Eigentümer der DM-Märkte. Sein Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens anstelle von Einkommenssteuer und Sozialleistungen ist bisher zwar viel zitiert, aber noch nicht diskutiert worden.
Unternehmer wie der Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn und der Gründer des World Economic Forum Klaus Schwab haben Akademien für Sozialunternehmer gegründet. Im Reinhard Mohn Fellowship Network bin ich selbst Mitglied und  war 2005 beim Welttreffen in Berlin.


Nachdem ich seit 1999 beobachtete, wie zumindest in den USA Softwareunternehmen mit Freeware Milliardengewinne machten, mußte ich die Geschäftsmodelle meiner Firmen www.internetkloster.com und www.make9.com hinterfragen. Da in Deutschland Geschäftsmodelle, die auf Freeware beruhen, nicht finanziert werden, mußte ich zusehen, wie unsere Konkurrenten Snapfish, FlickR und Picasa für Millionensummen übernommen wurden. Unser Großkunde dagegen, die AgfaPhoto GmbH, ging im Mai 2005 in Insolvenz und ließ uns - zusammen mit den unbezahlten Lizenzvergütungen für die AgfaNet Slideshow der AGFA Gevaert AG - auf Forderungen von rund 4 Millionen EURO sitzen.

Ludo Verhoeven, CEO der Agfa Gevaert N.V.
Ludo Verhoeven, seit Juli 2007 wieder CEO der Agfa Gevaert N.V.
Die Agfa-Aktie ist leider von 22 bis mittlerweile auf 8,40 Euro gesunken und Agfa ist in zahlreiche Prozesse um die ausgegliederte AgfaPhoto GmbH verwickelt. Ich überlege noch, was ich zur Wiedergesundung von Agfa beitragen kann.

Grund genug also, über Freeware etwas tiefer nachzudenken. Also: Im Grunde ist das, was wir geschenkt bekommen, unser Leben, unsere Existenz die erste Form von Freeware. Die Schätze der Natur und öffentliche Güter wie Luft, Land und Wasser, Bildung und Gesundheit, soziale Güter wie Religion und Nachbarschaftshilfe sind Teil eines Kosmos der Freeware.
2005 begann ich mit ersten Forschungen zur ökonomischen Messung von Freeware. Wieviel sind diese freien Güter wert?
Haben sie überhaupt einen Marktwert?
Wenn ja, handelt es sich dann zweifellos um stille Reserven, um hidden assets, die helfen können, Werte dort zu sehen,
wo die Weltbank bisher nur die Diagnose poverty mit der Therapie "growth!" beantwortet. Die Globalisierungskritiker wie Joseph Stiglitz und Jeremy Rifkin machen den Fehler, allein mit Appellen an  Demokratie und Ethik Weltwirtschaft beeinflussen zu wollen.
Der Global Commons Index (Word, nur 50kb) soll stattdessen eine neue ökonomische Bewertungsmethode darstellen, die völlig unabhängig
von moralischen Gefühlslagen Auskunft darüber gibt, was das wert ist, was bisher nicht bewertet wurde. Nicht, daß ich mit Friedrich Nietzsche von einer Umwertung aller Werte sprechen möchte, vermutlich werden selbst in diesem neuen Index die Schweiz und Norwegen ganz vorne liegen, aber Wirtschaft kann nur mit wirtschaftlichen  Methoden interpretiert und damit beeinflußt werden.


Da die wirtschaftspolitische und wirtschafswissenschaftliche Diskussion international stattfindet, ist meine Seite
weitgehend in Englisch. Was dennoch Deutsch ist, finden Sie hier:

1) Podcast
2) Erfolgsfalle mit Kritiken

 die erfolgsfalle 
Wolf Lotter in Brandeins  
Gabriele Fischer in Brandeins
Heike Littger Change X
Get abstract
Martin Szelgrad in Report

3) Video mit Bleicher

 
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